Das merkwürdige Verhalten shoppingwütiger Großstädter zur Zeit der Soldes d’hiver


Das merkwürdige Verhalten shoppingwütiger Großstädter zur Zeit der Soldes d’hiver

Gepostet Von am 10.01.2014 in Frankreich, Land & Leute, Newsticker, Wirtschaft

Dieser Gastartikel von Corinna Heßler ist im Rahmen des Schwerpunktthemas Frankreich und der angeschlossenen Blogparade entstanden.

Seit vorgestern laufen in Frankreich die Soldes d’hiver. Dieses alljährliche Spektakel, das dank staatlicher Regulierung durch die DGCCRF* zentralisiert und nach klaren Regeln abläuft, ist dem deutschen Winterschlussverkauf ähnlich und doch völlig anders. Als Webmarketing-Spezialistin in einer französischen Agentur habe ich die heiße Phase der Vorbereitungen und das hektische Treiben in Paris miterlebt. Was es neben den harten Fakten noch zu wissen gibt, möchte ich in diesem Gastbeitrag gerne berichten.

Winterschlussverkauf

© Foto: mehrsprachig handeln**

Die Vorbereitungen
Die Soldes in Frankreich wollen gut vorbereitet sein, sowohl von Anbieterseite als auch auf Seiten der Konsumenten. Jeder Modeblog, jede Zeitschrift und selbst die Abendnachrichten geben den Schnäppchenjägern ihre eigenen 10 Ratschläge und Tipps für eine gelungene Schnäppchentour mit auf den Weg. Mit dabei natürlich immer der Hinweis, eine genaue Analyse des Kleiderschranks (Bedarfsanalyse) durchzuführen und vorab das Angebot zu sondieren. Auch eine gründliche Budget- und Routenplanung für die Shoppingtour wird empfohlen. Mein persönlicher Favorit allerdings: Denken Sie an eine Flasche Wasser! Ganz genau, neben praktischer Kleidung sollte beim Shopping-Marathon auch an die physische Kondition gedacht werden, damit alle Vorbereitungen für ein langes Vergnügen getroffen sind.

Bei den Soldes ist nahezu jeder Shop, ob online oder offline, dabei. Längst beschränken sich die Schlussverkaufsaktionen nicht mehr nur auf Mode oder saisonale Produkte. Auch den Preisen für Elektronik, Unterhaltung, Bürobedarf, etc. geht es an den Kragen. Ein harter Konkurrenzkampf um den Facebook Logout des 08. Januar, die besten Platzierungen für TV Spots und Co. beginnt daher schon Monate vor dem eigentlichen Start der Soldes.

Der 08.01. – Le jour J
Früher als sonst erwacht die Stadt. Während viele Mitarbeiter, insbesondere in der Marketing und Medienbranche, sonst häufig erst gegen 9 oder halb 10 im Büro eintreffen, herrscht am 8. Januar schon vor 8 Uhr geschäftiges Treiben. Die letzten Vorbereitungen, das entscheidende Go und schließlich die ständige Überwachung der Performance. Der erste Tag ist enorm wichtig, denn hier werden die meisten Einkäufe getätigt und der Umsatz steigt gut und gerne auf das 10-fache eines „normalen“ Tages an.

Die Schnäppchenjäger sind ebenfalls früh auf den Beinen. Pünktlich um 8h geht es in ganz Frankreich los. Die Metros in Paris sind viel überfüllter als sonst um diese Zeit und vor den Boutiquen und Einkaufszentren haben sich lange Schlangen gebildet. Noch vor der Arbeit soll die vorbereitete Shopping-Liste abgearbeitet und die besten Schnäppchen ergattert sein. Es ist übrigens ein weit verbreitetes Vorurteil, dass nur Frauen bei diesem Wahnsinn mitmachen. Immer mehr Männer gehören ebenfalls zu den „frühen Vögeln“, auch wenn bei ihnen neben Mode häufig vor allem Elektronikgeräte auf der Einkaufsliste stehen.

Der nächste Tag – Le lendemain

Der nächste Morgen ist insbesondere für eCommerce-Betreiber und Agenturen von großer Bedeutung. Jetzt gilt es die Performance des Vortages zu analysieren. Analysetools laufen auf Hochtouren, das Telefon klingelt ständig, Änderungen und Optimierungen müssen in Windeseile umgesetzt werden.

In den Geschäften hat es sich indes am zweiten Tag etwas beruhigt. Aber Normalität kehrt erst am 12. Februar wieder ein. Denn, es folgen Akt zwei und drei des Spektakels: Die 2ème und 3ème démarque (2. und 3. Preisreduktion). Diese, von den Shopbetreibern nahezu einheitlich umgesetzten Schritte der weiteren Preisreduktion, bringen nochmals große Anstürme mit sich.

Eins darf natürlich auch nicht fehlen zum Winterschlussverkauf: Reisebusse voller Shopping-Touristen (insbesondere aus Asien), die es vor allem auf die französischen Edelmarken zum halben Preis in den Galeries Lafayette abgesehen haben. Abschließend bleibt noch zu erwähnen: Während der Soldes ist fast alles erlaubt. Boutiquen und Marken, die man sonst nur mit sehnlichen Blicken aus der Ferne anhimmelt, sind bei -50 bis -70% schon fast erschwinglich und eine Versuchung wert. Das wissen auch die chic gekleideten Verkäuferinnen sowie die Security und dulden daher in dieser Zeit auch Normalsterbliche in ihren edlen Etablissements.

Sie haben ebenfalls Erfahrungen mit den Soldes in Frankreich gemacht oder können all das nicht glauben? Dann freue ich mich auf Ihre Kommentare.

*Die Direction générale de la concurrence, de la consommation et de la répression des fraudes ist eine Behörde des französischen Wirtschafts- und Finanzministeriums.

 

** KF/msh

Corinna Heßler

Gastautorin Corinna Heßler ist Expertin für Suchmaschinenmarketing und Social Media. Im Anschluss an ihre Tätigkeit als Account Manager in Paris hat sie den Aufbau und die Leitung der deutschen Niederlassung der Agentur AdsOnWall übernommen. Privat ist sie begeistert von fremden Sprachen und Kulturen und ausgesprochener Frankreichfan.
Corinna Heßler

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