Erinnerungen an zwei Tage im September 2001 in Toulouse


Erinnerungen an zwei Tage im September 2001 in Toulouse

Gepostet Von am 14.01.2014 in Frankreich, Land & Leute, Newsticker

Dieser Gastartikel von Silke Stach ist im Rahmen des Themenmonats Frankreich und der angeschlossenen Blogparade entstanden.

Toulouse

@ Foto: mehrsprachig handeln*

Meine Kollegin Katja Flinzner ruft zur Blogparade auf und das Thema ist in diesem Monat Frankreich. Frankreich, mein geliebtes Frankreich! Fast drei Jahre durfte ich dort leben und arbeiten. Nach meinem Biologiestudium in Berlin habe ich das Angebot bekommen, an der Université Paul Sabatier in Toulouse meine Doktorarbeit zu machen. „Wie aufregend!“, dachte ich und habe ohne zu zögern angenommen. Schon in der Schulzeit hat mich Französisch begeistert, ich habe jeden Schüleraustausch mitgemacht und mich in meinen Gastfamilien immer sehr wohl gefühlt. Jetzt also Frankreich – und zwar so richtig! Das war 2001. In Berlin habe ich meine Zelte abgebrochen, meine Wohnung aufgelöst, ein paar Kisten auf dem Dachboden meiner Eltern eingelagert, meine Siebensachen in einen gemieteten 3,5-Tonner geladen und auf ging’s.
Wir hatten eine Wohnung in einem ruhigen Viertel von Toulouse gefunden, auf halber Strecke zwischen Stadtzentrum und Uni. Das Haus war von aussen hässlich, die Wohnung innen aber schön und die Nachbarn nett. Um das Haus herum wuchs eine Hecke aus Rosmarinbüschen und wenn man die Fenster öffnete, strömte ihr Duft herein. Im Juli sind wir runtergezogen, mein Mitbewohner und Kommilitone und ich.

Wir fingen an, uns in der Uni einzurichten und weil Sommer war und weil ich mich in meiner Doktorarbeit mit dem Lernverhalten von Honigbienen beschäftigt habe, legte ich auch gleich los. Den ganzen Tag über stand ich draussen auf einer Wiese auf dem Unigelände und habe Bienen dressiert. Für Aussenstehende hört sich das immer total spannend an, aber wenn man jeden Tag von morgens bis abends Bienchen konditioniert, wird das auf die Dauer ziemlich monoton. Also habe ich mir ein Radio besorgt und den ganzen Tag „France Info“ gehört. Da laufen nur Nachrichten. Und weil in der Welt zwar ziemlich viel passiert, aber die Nachrichten sich trotzdem ständig wiederholen, war das eine gute Übung, um mein Sprachverständnis zu schulen.
Dann kam der 11. September 2001. Ich erinnere mich, dass ich eine Nachricht hörte, von der ich glaubte, sie falsch verstanden zu haben. Eine Viertelstunde später hörte ich die gleich Nachricht noch mal: Zwei Flugzeuge seien ins World Trade Center geflogen. Hä? Ich liess alles stehen und liegen und rannte zu meinem Chef ins Büro. Und da sah ich schon die Bilder auf seinem Monitor: Die Meldung stimmte! Ich hatte leider richtig verstanden. Mein Chef war fast panisch und sagte: „Das wird Weltkrieg 3!“ (Er ist Argentinier, neigt zu Übertreibungen und sein Deutsch ist zwar extrem gut, aber seine Formulierungen sind oft ein wenig undeutsch). Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den Kollegen, es war Unsicherheit zu spüren und ich habe gedacht: „Ich will nach Hause!“. Ich bin natürlich dort geblieben.

Dann kam der 21. September 2001. Ich stand bei einem Kollegen im Büro und wir waren gerade in einen Kennenlernschwatz vertieft (schliesslich war ich erst seit zwei Monaten dort), als plötzlich der Boden vibrierte, wir Scherben klirren hörten und danach einen dumpfen Knall. Da in unserem Gebäude auch Labore untergebracht waren, dachten wir als erstes an eine Explosion bei uns im Gebäude. Aber dann sahen wir hinter dem Hügel von Pech David eine orangefarbene Wolke in den Himmel steigen. Wie viele unserer Kollegen liefen wir auf die Dachterasse des Gebäudes. Niemand wusste, was passiert war. Wir hingen vor den Radios und suchten im Internet nach Meldungen. Es hiess, im Zentrum von Toulouse seien zeitgleich zwei Bomben hochgegangen. Sofort war von Terroranschlägen die Rede, denn immerhin waren erst vor 10 Tagen zwei Flugzeuge ins World Trade Center geflogen. Etwas später wurde klar, dass in einer Chemiefabrik am Stadtrand eine Explosion stattgefunden hatte. Die Ursache der Explosion war unklar, ein Attentat wurde nicht ausgeschlossen. Durch die Druckwelle gab es an den in der Nähe stehenden Gebäuden erheblichen Schaden, fast jede Fensterscheibe in Toulouse war kaputt.

Explosion in Toulouse am 21. September 2001, © Foto: I, Atomcomputer [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) oder CC-BY-SA-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons

Explosion in Toulouse am 21. September 2001, © Foto: I, Atomcomputer [GFDL, CC-BY-SA-3.0 oder CC-BY-SA-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

Im Stadtzentrum brach eine Panik aus. In den Meldungen war erstmals von Toten die Rede, die Menschen wurden aufgefordert, dort zu bleiben, wo sie jetzt waren und Mobiltelefone nur im Notfall zu benutzen. Die Fenster sollte man geschlossen halten. Diese Meldungen führten dazu, dass alle versuchten, ihre Familien, Freunde und Bekannte zu erreichen und die Mobilfunknetze zusammenbrachen. Die Fenster zu schliessen war sinnlos, weil sie keine Scheiben mehr hatten. In der Ferne hörte man Feuerwehrsirenen. Es war gespenstisch. Ich hatte nur einen Gedanken: ich wollte in unsere Wohnung. Sie erschien mir als einzig sicherer Ort. Also verliess ich die Uni, setzte mich in mein Auto und fuhr los. Offensichtlich war ich nicht die Einzige. Für eine Strecke, die ich normalerweise in 10 Minuten zurücklegte, brauchte ich nun mehr als 2 Stunden. Zu Hause angekommen, bot sich ein Bild der Verwüstung: Fensterläden hingen herunter, die Eingangstüre war nach hinten ins Foyer gedrückt worden, die Garagentore aus den Angeln gehoben. In unserer Wohnung war jeder Zentimeter des Fussbodens mit Glasscherben übersät, in den Wänden staken Scherben wie Messer, Sitzpolster vom Sofa und Bettzeug waren zerschnitten, die Türen teilweise mit den Rahmen aus den Wänden gedrückt. Die Monitore unserer Computer waren kaputt und meine geliebte Nähmaschine lag am Boden. Mir liefen die Tränen. Wir gingen zu den Nachbarn, um zu sehen wie es ihnen ergangen war und um eventuell zu helfen. Niemand war verletzt worden. Wie es in den Wohnungen aussah, war nicht wichtig…. Langsam wurde klar, dass es sich bei der Explosion nicht um einen Terroranschlag, sondern um einen Unfall handelte. Es gab 29 Tote und unzählige Verletzte. Die häufigsten Verletzungen waren Schnittwunden und geplatzte Trommelfelle. Wir fingen an, aufzuräumen.

In der folgenden Zeit habe ich erlebt, was Solidarität in Frankreich bedeutet. Die Menschen schlossen sich zusammen, man fuhr gemeinsam in den Baumarkt, half sich gegenseitig mit Brettern, Nägeln, Klebeband und Folien aus. Um uns herum hämmerte, bohrte und sägte es. So lernte ich meine Nachbarn kennen. An sich nicht ungewöhnlich und bestimmt auch nicht typisch französisch, dass man in so einer Situation zueinander hält. Das für mich typisch französische kam, als abends ein Nachbar sagte: „Kommt auf ein Glas vorbei!“. Jeder brachte etwas mit, wir saßen in einer Wohnung ohne Fensterscheiben bei improvisiertem Essen und einer Menge Rotwein, Pastis und anderen Getränken. Es wurde lautstark diskutiert, spekuliert, gestikuliert und viel gelacht. Uns gingen die Zigaretten aus und irgendwann auch die Getränke. Spät in der Nacht bin ich in unsere Wohnung gewankt und am nächsten Morgen war die gesamte Nachbarschaft verkatert.
Nach und nach wurden die Schäden repariert, wir hatten immerhin im November wieder Scheiben in den Fenstern. Der Alltag kehrte zurück und alles lief seinen gewohnten Gang.

Was blieb, waren die Apéros und der gute Kontakt zu den Nachbarn. Einmal monatlich trafen wir uns reihum in einer der sechs Wohnungen unseres Hauses, saßen nett zusammen und schwatzten. Wir unternahmen gemeinsam Ausflüge in die Pyrenäen und halfen uns gegenseitig bei Englischhausaufgaben, Anschreiben für Versicherungen und Computerproblemen. Als ich Toulouse nach Beendigung meiner Doktorarbeit verlassen habe, haben die Nachbarn einen Abschiedsapéro für mich veranstaltet. Sonntags gegen 11 Uhr sollte ich vorbeikommen auf ein Gläschen, man würde dann gemeinsam essen. Was wir getan haben, bis ca. 21 Uhr! Das ist für mich Frankreich! Gemeinsam geniessen, das „savoir vivre“, das „se regaler“. Die Offenheit und die Solidarität, der manchmal etwas ruppige, aber herzliche Umgangston, die Diskussions- und Streitkultur.

Bis heute ist übrigens nicht genau geklärt, wie es zu dieser Explosion kommen konnte. Wahrscheinlich steckt dahinter ein Versicherungsbetrug.
Meine Nachbarn von damals wohnen inzwischen alle woanders und zu den meisten habe ich keinen Kontakt mehr. Ein Kontakt besteht noch und wir sehen uns regelmäßig. Gerade im September war ich mit meiner Familie bei ihnen und es fühlte sich genau an wie damals. Fast 13 Jahre sind vergangen, seit diesem Freitag um 10:21 Uhr, als in Toulouse die AZF in die Luft flog. Heute sage ich: „Merci, AZF!“ Ohne dieses Ereignis wären mir die tiefen Einblicke in das Leben der Franzosen verwährt geblieben und die Freundschaft zu diesen Menschen gäbe es nicht.

 

* KF/msh

Silke Stach

Silke Stach

Gastautorin Dr. Silke Stach ist Diplom-Biologin und lebt mit ihrer Familie in der Schweiz. Sie arbeitet als freiberufliche Autorin, Schulbuchautorin, Lektorin und Übersetzerin und hat sich auf Texte aus dem naturwissenschaftlichen Bereich spezialisiert.
Silke Stach

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1 Kommentar

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    Einschlägige Geschichte, aber wenigstens ist Ihnen nichts schlimmeres passiert.

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