Frankreich archäologisch: Die Grotte Chauvet im Ardèche-Tal


Frankreich archäologisch: Die Grotte Chauvet im Ardèche-Tal

Gepostet Von am 17.01.2014 in Frankreich, Land & Leute, Newsticker

Dieser Gastbeitrag ist entstanden im Rahmen des Themenschwerpunkts Frankreich und der angeschlossenen Blogparade.

Höhlenmalereien in der Grotte Chauvet

Höhlenmalereien in der Grotte Chauvet; von Thomas T. from somewhere on Earth [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons

Als die Bilder laufen lernten
Vier gestaffelte, sich überlappende Pferdeköpfe mit geblähten Nüstern und offenen Mäulern, direkt vor ihnen vier Auerochsen, alle nach links schauend. Von den drei Nashörnern unterhalb stehen sich zwei direkt gegenüber, bereit zum Kampf. Ein Wisent ist an anderer Stelle mit sieben oder acht Beinen dargestellt, der bei flackerndem Licht sich in Bewegung zu setzen scheint. Dies sind nur einige der beeindruckendsten Motive in der Höhle von Chauvet im Ardèchetal am Südostende des Zentralmassivs. Vier Säle erstrecken sich auf einer Länge von 500 Metern mit insgesamt 525 Gravuren und Malereien. Rund 5300 Knochen, meist von Bären, und wenige menschliche Fußspuren haben Forscher bis heute ausgewertet.

Kommissar Zufall um die Weihnachtszeit
Reiner Zufall führte die drei Höhlenforscher Éliette Brunel Deschamps, Jean-Marie Chauvet und Christian Hillaire zur Grotte. Seit Jahren erkundeten sie bereits Höhlen der Region in Zusammenarbeit mit Archäologen. Im Laufe von Millionen von Jahren hat sich die Ardèche in starken Mäandern 200 Meter tief in das Kalkplateau gegraben. Durch Sickerwasser bildeten sich einzigartige Höhlen mit faszinierenden geologischen Formationen: Stalakmiten und Stalaktiten wie Vorhänge oder hängende Zapfen. Glitzernde Kalzitkristalle und Sinterbänke blieben der Nachwelt erhalten. In den Weihnachtszeit des Jahres 1994 erkundeten die drei jungen Leute den Talkessel von Estre unweit des berühmten Pont d’Arc näher. Ein unscheinbarer schmaler Eingang in zwei Meter Höhe wies ihnen schließlich den Weg zur eigentlichen Höhle. Weitere vier Säle und Galerien folgten. Nach und nach tauchten immer mehr rote und schwarze Zeichnungen unterschiedlicher Tierarten an den Wänden auf. Sofort nach Verlassen der Höhle sicherten die Entdecker den Eingang und verständigten die Denkmalbehörde. Seit Januar 1995 ist die Höhle mit Alarmsystem versehen und mit einer Metalltür verschlossen. Nur ausgewählte Wissenschaftler können nach Voranmeldung die Höhle bis zu zwei Stunden besichtigen.

Darstellungstechniken und Alter der Kunstwerke
Einige Zeichnungen sind in den extra aufgetragenen Lehm mit dem Finger oder Ästen geritzt, die meisten jedoch mit eisenoxydhaltigem roten Ocker und schwarzer Holzkohle gezeichnet. Was macht die Kunst von Chauvet so besonders? Die außergewöhnlich lebendige Darstellungsweise in einer Qualität, als wenn die Bilder erst gestern aufgetragen wurden, besticht. Der dreidimensionale Eindruck wird noch verstärkt durch die Ausnutzung von Kanten und Friesen der Felswand. Neben den üblichen Raub- und Weidetieren wie Löwe, Bär, Wisent, Auerochse, Rentier und Pferd tauchen Panther und Steinbock auf und – bisher einmalig in prähistorischer Höhlenkunst – ein geritzter Eulenvogel! Es gibt außer Handabdrücken keine Menschendarstellungen und keine Jagdszenen.
Die Kunstwerke sind in der Altsteinzeit während der letzten Eiszeit entstanden. Verschiedene Zeichnungen sind von Kalzitablagerungen bedeckt; aber es gibt auch nicht versinterte Holzkohlespuren, die jünger sein müssen. Stilistische Vergleiche weisen Parallelen zu anderen Höhlenbildern im Südwesten Frankreichs auf. Doch größere Gewissheit erbrachten bereits erste C 14-Datierungen. Die Radiokohlenstoffmethode der organischen Holzkohlereste bewiesen ein Höchstalter von 36.000 Jahren! Noch sind diese Forschungen nicht abgeschlossen. Doch lässt sich bereits heute sagen, dass die Höhle vor 36.000 und noch einmal circa 6.000 Jahre später von Menschen aufgesucht wurde. Es handelte sich um den halbnomadisch lebenden Cro-Magnon-Mensch, der sich nur im Sommer als Künstler in der Höhle betätigte. Wohnspuren wie Werkzeuge und Abfall wurden an keiner Stelle gefunden. Schädel und andere Knochen von Bären zeigen, dass die Höhle als Überwinterungsort gedient hat. Die Landschaft muss man sich als baumlose Steppe mit niedrigem Buschwerk und Gräsern vorstellen.

Pont d'Arc

Der Pont d’Arc ist nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel, in Vallon Pont d’Arc gibt es außerdem eine sehenswerte Ausstellung zur Grotte Chauvet. | © Foto: Sabine Wirth

Ersatzgrotte als Erlebniswelt
Die Nachbildung der Grotte von Chauvet entsteht zurzeit nur zwei Kilometer Luftlinie vom Original entfernt. Ein Rundbau aus Metall und Spritzbeton sowie Kunststoff und Lehm soll die Höhle darstellen. Mit allen Sinnen können Besucher die künstliche Höhle erleben: Das kühle feuchte Milieu der Gesteinsformationen, das Tropfen des Wassers, selbst der Geruch der Unterwelt wird versucht nachzuempfinden. Kopien der Malereien sind natürlich der Höhepunkt der Entdeckungsreise. Beobachtungsstationen, museumspädagogische Multimediaerlebnisse gehören dazu. Ein Museum und ein Restaurant schließen sich an. Ab Frühjahr 2015 soll die Ersatzgrotte eröffnet werden.
Wer nicht so lange warten möchte, kann bereits in Vallon Pont d’Arc eine sehenswerte Ausstellung zur Grotte besuchen. Ein neues Museum zur Urgeschichte öffnet noch in diesem Jahr in Ornac-l’Aven. Auf einen Termin warten die Wissenschaftler besonders sehnsüchtig: In diesem Sommer entscheidet sich, ob die Grotte Chauvet auf die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes kommt. Nähere Infos mit weiteren Links gibt es auf www.lagrottechauvetpontdarc.org.

Sabine Wirth

Sabine Wirth

Gastautorin Sabine Wirth ist Archäologin und Wissenschaftsjournalistin. Sie schreibt Beiträge über alle archäologischen Themen von der Steinzeit bis zur Neuzeit für Geschichtsmagazine. Frankreich hat es ihr besonders angetan. Regelmäßig verbringt sie dort ihren Urlaub. Sabine Wirth lebt in Köln.
Sabine Wirth

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