Crêpes: Eine Wortgeschichte zum 02. Februar


Crêpes: Eine Wortgeschichte zum 02. Februar

Gepostet Von am 02.02.2014 in Frankreich, Land & Leute, Newsticker, Sprachtipps

In seinem Buch Madame Baguette und Monsieur Filou erzählt Pierre Sommet amüsante und spannende Wortgeschichten aus Frankreich. Zum heutigen Chandeleur, der fête des chandelles („Fest der Kerzen“), verrät er uns im Rahmen der Blogparade Frankreich, warum Crêpes zum 02. Februar gehören wie der Eiffelturm nach Paris. Herzlichen Dank dafür!

„Mardi-Gras, ne t’en vas pas, je ferai des crêpes, je ferai des crêpes,
Mardi-Gras, ne t’en vas pas, je ferai des crêpes et t’en auras“.
„Mardi-Gras, gehe nicht weg, ich werde Crêpes backen, ich werde Crêpes backen,
Mardi-Gras, gehe nicht weg, ich werde Crêpes backen und du wirst welche haben“.

Französisches Kinderlied

Madame Baguette und Monsieur FilouSie sind in aller Munde, die goldgelben runden Pfannkucken aus der Bretagne: die Crêpes. Aber warum sind sie die Vorboten des Frühlings?

Unweit von Quimper und der bretonischen Küste liegt das historische Dorf Locronan. Es gehört zu den schönsten Frankreichs. Auf dem Grand’Place gruppieren sich um die Kirche Saint-Ronan Crêperien in Granithäusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Dort kann man herzhafte Galettes und „krampouezh“, süße Crêpes aus Weizenmehl, genießen. Als flüssige Begleitung bietet sich eine „bolée de cidre“ an.

In Locronan kommen und gehen die Touristen, die Zeit aber ist stehen geblieben. Gerade in der Winterzeit, an neblig-trüben Tagen, haben der Ort und der nahe gelegene heilige Wald von Saint-Nivet etwas Magisches. Sie laden zu einer Reise in die Vergangenheit ein, in die geheimnisvolle Welt der Mythen, Rituale und Symbole.

Hart war das Leben der Kelten, lang und entbehrungsreich die Winter. Von den Launen der Natur waren die Vorfahren der Bretonen völlig abhängig. Als am ersten Februar die Tage deutlich länger wurden und der als Lebensquell verehrte Sonnengott Sulis, das allsehende Auge des Himmels, an Strahlkraft gewann, feierten die Kelten „imbolc“, das Fest der Reinigung des Wassers. Im fünften Jahrhundert wählte die katholische Kirche den darauffolgenden Tag für Maria Lichtmess. Im Gegensatz zu Deutschland wird in Frankreich der zweite Februar mit einem schönen kulinarischen Brauch, dem Backen von Crêpes, gefeiert. Es ist die Chandeleur, die „fête des chandelles“, das Fest der Kerzen. Zur Chandeleur muss man seine Crêpe wenden, indem man in der rechten Hand die Pfanne und in der linken ein Goldstück hält. Gelingt diese akrobatische Operation, hat man das ganze Jahr über Glück. Zwei Wochen nach der Chandeleur, am Mardi-Gras („am Fetten Dienstag“), findet ein weiterer Tag der Crêpes statt. Dann wird gefastet.

Wie ist die auf den ersten Blick bizarre Assoziation zwischen Kerzen und Crêpes entstanden? Zur Chandeleur trug man im Mittelalter in Prozessionen geweihte Kerzen zur Kirche und brachte anschließend welche heim. Sie wurden überall aufgestellt und angezündet, das Kerzenlicht sollte Unheil fernhalten: Blitzschläge, Gewitter, Hungersnot, Wölfe, den „Mann mit den eisernen Nägeln“, wie die Bauern den Teufel nannten, und den Tod. Dabei wurden Crêpes gebacken, aus blé noir, Buchweizenmehl natürlich, denn Weizenmehl und Zucker waren unerschwinglich. Die Crêpes sollten Fruchtbarkeit und Glück bringen. In der dunklen Jahreszeit symbolisierte ihre Kreisform die Sonne und mit ihr die ersehnte Wiedergeburt des Frühlings, die Hoffnung auf eine ertragreiche Ernte.
Das französische Wort crêpe selbst ist entlehnt aus dem Altfranzösischen crespe, aus dem Lateinischen crispus, was „wellig, frisiert“ bedeutet. Bei der Zubereitung wellt sich der zarte Teig.

Die bretonischen Pfannkuchen haben längst Einzug in Deutschland gefunden. Ein Farbtupfer, ein Lichtblick in grauen Fußgängerzonen sind Crêperien-Stände. Dort warten die Crêpes auf Kinder mit großen Augen und auf wintergeplagte, sonnenhungrige Passanten. Alle, Jung und Alt, lachen die Crêpes an und wünschen auf bretonisch „Kalon digor“!

Sie haben es verstanden.

Crêpes: Die bretonische Spezialität, die „crêpe de froment“ („Weizenmehlpfannkuchen”) ist eigentlich eine Verfeinerung der Galette. Im 17. Jahrhundert brachten bretonische Seeleute von ihren Schiffsreisen Rum, Orangenblütenwasser, Vanille und Zimt mit, die Crêpes-Bäckern sehr gelegen kamen. Die Königin der Crêpes ist die Crêpe Suzette. Als der spätere englische König Edward VII., in Begleitung einer Französin namens Suzette im Café de Paris in Monte Carlo Crêpes zum Dessert bestellte, erfand aus Versehen der junge Koch Henri Charpentier die Crêpe Suzette. Als er die Crêpes am Tisch zubereitete, entflammte sich der daneben stehende Orangenlikör. Der geistesgegenwärtige Koch servierte die flambierten Crêpes zweimal gefaltet. Das neue Rezept schmeckte dem galanten Prince of Wales. Er taufte die Crêpes auf den Namen seiner hübschen Begleiterin. Es gibt aber auch andere Interpretationen. Die heutigen Crêpes Suzette werden zu „quarts de plaisir“ („Vierteln des Vergnügens“) zusammengelegt und mit Cointreau oder Grand Marnier flambiert. Wer Lust hat, kann unter www.essen-und-trinken.de/rezept/157454/crepes-suzette.html experimentieren.

Quimper und Locronan: Quimper (67.000 Einwohner) hat eine schöne Altstadt, Kathedrale und Fayencen und die hauchdünnen Crêpes dentelle (Spitze). Dem pittoresken Dorf Locronan mit seinen 800 Dorfbewohnern stehen jährlich bis 800.000 Touristen gegenüber.

Gruppieren: Das Wort Gruppe ist entlehnt aus frz. groupe (männlich).

Galettes: Jahrhundertelang war die „galette de sarrasin“, auch „galette de blé noir“ genannt („Buch­weizen- Pfannkuchen“) das preiswerte Grundnahrungsmittel der Bretonen. Buchweizen, das „sarazenische Korn“, wurde von den Kreuzrittern nach Frankreich gebracht. Die Galettes wurden ursprünglich als Brotersatz auf einem heißen, flachen Stein, „jalet“ in der bretonischen Sprache, gebacken. Die heutigen Galettes eignen sich ganz besonders für herzhafte Füllungen (Schinken, Speck, Käse, Eier, Räucherfisch etc.).

Bolée de cidre: Dt. Schale Apfelwein (bretonisch „bolennou chistr“). In Frankreich wird Apfelwein vor allem in der Normandie und der Bretagne produziert. Als Kir breton wird ein Mischgetränk aus crème de cassis (schwarzer Johannisbeer-Likör) und cidre bezeichnet.

Die Kelten: Frz. les Celtes. Um 500 v. Chr. erreichten keltische Stämme „Armorika“, das „Meerland“, die heutige Bretagne. Die Gottheiten dieses kriegerischen Volkes waren Naturkräfte. In der keltischen Mythologie haben die Sonnenwenden einen großen Stellenwert. Auch in der Bretagne findet man keltische Kreuze, meist aus Stein gehauen. Sie verbinden die traditionelle Kreuzform mit einem Kreis. Dieser symbolisiert das Sonnenrad ohne Anfang und ohne Ende, die heilende Kraft der Sonne, ihre ewige Wiederkehr („l’éternel retour”). Als Schmuck verhilft das keltische Kreuz seinem Träger zu Reichtum.

Mardi-Gras: Wörtlich „Fetter Dienstag“. Es ist die Bezeichnung für den letzten Karnevalstag in Frank­reich. Die Kinder verkleiden sich und „plats gras“ („fette Gerichte“) wie beignets (Krapfen) und Crêpes werden an diesem Tag gegessen.

Passanten: Von frz. passant (vorbeigehend) und lat. passus (Schritt).

Bretagne, Bretonen und bretonische Sprache: Die über 2.800 km lange abwechslungsreiche Küste, kontrastreiche Landschaften, schöne alte Städte und ein reiches Kulturerbe machen das Land der Menhire (maen=Stein, hir=lang, also „langer Stein“) und anderer Megalithen zu einem beliebten Reiseziel. Überall sind Traditionen (Volksmusik, Trachten, Festivals) und Bräuche lebendig. Die Bretagne ist von Religiosität (Calvaires, Wallfahrten, „Pardons“, tausende von Landkapellen) durchdrungen. Nähere Informationen unter www.breizh.de.
Die Bretonen gelten bei vielen Franzosen als stolz, störrisch („être têtu comme un Breton“ = „Dickköpfig wie ein Bretone sein“), oft introvertiert, trinkfest und kämpferisch. Fakt ist, dass die Bretonen warmherzig, umweltbewusst, stolz auf ihre kulturelle Identität und solidarisch sind. Sie essen und feiern gerne im Familien- und Freundeskreis.
Die ca. 240.000 von den vier Millionen Bretonen, die die bretonische Sprache („Brezhoneg“) beherrschen, werden „bretonnants“ genannt. Die Sprache selbst ist eine alte keltische, mit dem Walisischen verwandte Sprache. Sie klingt sehr fremd und ist wahrlich nicht einfach. „Ich spreche ein wenig bretonisch“, frz. „je parle un peu breton“, wird so übersetzt: „Komz a ran un tamm brezhoneg“.

Entnommen aus Madame Baguette und Monsieur Filou.

Pierre Sommet

Pierre Sommet

Gastautor Pierre Sommet ist gebürtiger Franzose mit doppelter Staatsangehörigkeit. Er hat 34 Jahre lang den Fachbereich Fremdsprachen der VHS Krefeld geleitet, 15 Bücher geschrieben und u.a. ein renommiertes Französisch-Lehrwerk für Erwachsene herausgegeben. In Madame Baguette und Monsieur Filou erzählt er amüsante, spannende und informative Wortgeschichten aus Frankreich.
Pierre Sommet

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